COPRINUS SYNDROM

Zilker Th; Kleber JJ; Haberl B
1999

GIFTIGKEIT
Viele Pilze der Tintlings-Gruppe (mit Ausnahme des Schopftintlings) und Pilze aus anderen Gruppen können nach zusätzlichem Alkoholgenuß eine Alkoholunverträglichkeits- Reaktion verursachen.
Betroffene Pilze siehe unter

VERURSACHENDE PILZE


SYMPTOME
Vergiftungssymptome treten auf, wenn nach der Pilzmahlzeit Alkohol getrunken wird (bei genügender Aklkoholmenge auch vor der Pilzmahlzeit). Alkoholgenuß ist bis mindestens 24h in Ausnahmefällen bis 2-5 Tage nach der Pilzmahlzeit gefährlich;
die Symptome beginnen 20 Minuten bis 2h nach Alkoholaufnahme
und halten meist 3 bis 6 Stunden an (unter Umständen auch nach geringer Alkoholmenge wie in medizinischen Säften);
Die Betroffenen bekommen eine plötzliche Rötung der Gesichts-, Nacken- und teils auch Brusthaut und oft zusätzlich Schweißausbrüche und das Gefühl der Schwellung von Gesicht und Händen. Zusätzlich treten oft Übelkeit, Erbrechen, metallischer Mundgeschmack, Schwindel, schneller und selten unregelmäßiger Herzschlag auf. Bei schweren Verläufen klagt der Betroffene über Brustschmerzen, Atemnot, Pelzigkeit der Extremitäten, Schwäche und kann sogar verwirrt sein.
LATENZZEIT:
Ethanolgenuß bis Symptombeginn 30 Min. bis 2h
nach der Pilzmahlzeit; gefährliche Periode 1 Tag bis zu 2-5 Tage nach Pilzgenuß.


LAIENHILFE
Besteht der Verdacht, daß ein Coprinus-Syndrom vorliegen könnte, sollte der betreffende Patient bis zum Abklingen der Symptome klinisch überwacht werden. Nichtärztliche Hilfemaßnahmen sind nicht möglich, außer der strikten Alkoholvermeidung.

THERAPIE
PRIMÄRE GIFTENTFERNUNG: Eine Entfernung der Pilze über Erbrechen oder Magenspülung ist nicht angezeigt, zumal ja vorhandene Beschwerden zeigen, daß das Gift schon resorbiert ist. Gabe von Aktivkohle 20-40g ist möglich, um weitere Giftresorption zu verhindern, vor allem wenn die Pilzmahlzeit nicht viel länger als 1 Stunde zurückliegt.
BEOBACHTUNG: Bei den häufigeren leichten Verläufen ist außer klinischer Überwachung (mit EKG-Monitorüberwachung) keine spezielle Therapie nötig.
Bei schweren Symptomen sind Betarezeptoren-Blocker (z.B. Propranolol) gegen Tachykardie und Herzklopfen wirksam, wenn nötig leichte Beruhigungsmittel wie z.B. Diazepam. Bei Hypotonie ist Flüssigkeitsersatz und evtl. Katecholamingabe nötig.
ANTIDOTE: theoretisch sollte bei starken Beschwerden 4-Methylpyrazol wirksam sein um die Giftwirkung (Acetaldehydbildung) zu blockieren;
SEKUNDÄRE GIFTENTFERNUNG: der Alkohol und das Acetaldehyd könnten bei sehr schweren Verläufen durch Hämodialyse entfernt werden.

GIFT UND GIFTWIRKUNG
Alle das Coprinussyndrom verursachenden Pilz können das Coprin [(N5-(1-Hydroxy Cyclopropyl)-L-Glutamin] enthalten, das erst beim Kochen in das biologisch wirksame 1-Amino-Cyclopropanol umgebaut wird; deshalb sollten roh gegessene Pilz keine Symptome erzeugen. Wenn kurze Zeit bis 5 Tage nach dem Genuß dieser Pilze Alkohol konsumiert wird, blockiert das 1 Amino-Cyclopropanol den körpereigenen Alkoholabbau durch Hemmung der Acetaldehyddehydrogenase; hierdurch wird im Körper die Acetaldehydkonzentration erhöht und verursacht oben geschilderte Beschwerden. Zusätzlich scheint das Coprine und seine Metabolite in den Neurotransmitterstoffwechsel einzugereifen und z.B. durch Hemmung der Dopamin-Beta-Hydroxylase eine periphere Beta-Rezeptoren-Überstimulation verursachen zu können.

VERURSACHENDE PILZE
Faltentintling (Coprinus atramentarius) Verwechslungsmöglichkeit: kann mit dem Schopftintling (Coprinus comatus) verwechselt werden
seltene oder außereuropäische das Coprinussyndrom verursachende Tintlinge: Coprinus erethistes; Coprinus insignis; Coprinus variegatus = Coprinus quadrifidus;
->netzstieliger Hexenroehrling (Boletus luridus) wird nach genügenden Kochen auch als Speisepilz empfohlen;
Ritterling orangenroter (Tricholoma auratum)
sparriger Schueppling (Pholiota squarrosa) Schwefelporling (Laetiporus sulphureus) keine großen Verwechslungsmöglichkeiten
Speisemorchel (Morchella sp.) Das Auftreten des Coprinus-Syndroms ist Abhängig vom Standort und eventuell der Unterart des gesammelten Pilzes, sowie eventuell der Einnahmemenge, siehe eigene Informationsdatei
keulenfüssiger Tirchterling (Clitocybe clavipes) siehe ->boehmische Verpel (Verpa bohemica) eine Verwechslung mit dem Speisemorchel sollte nicht vorkommen

SYNONYME
Knotentintling; Coprinus erethistes; Coprinus insignis; Coprinus variegatus; Coprinus quadrifidus;
Coprine; Aminocyclopropanol; 1-Aminocyclopropanol; Acetaldehyd-Syndrom;

GRUPPENZUGEHÖRIGKEIT
Pilze; Pilze giftige; Pilzvergiftung kurze Latenz; Pilzvergiftungssyndrome;

LITERATUR

Breitenbach J: Pilze der Schweiz. Verlag Mykologigia Luzern 1991


Garnweidner E: GU Naturführer Pilze Die wichtigen Pilze Mitteleuropas erkennen und bestimmen. Gräfe und Uncer 13. Auflage 1999


Moser M: Kleine Kryptogamenflora; Die Röhrlinge und Blätterpilze. Gustav Fischer Verlag; Stuttgart, New York 1978


Spoerke DG; Rumak BH: Handbook of mushroompoisoning. CRC Press 1994


Zilker Th: Diagnose und Therapie der Pilzvergiftungen (Teil II). Leber Magen Darm 3/87 173-197


Zilker Th: Intoxications par les champignons


aus Jaeger, Vale JA Intoxications aigues. Elsevier Paris 1999