FLIEGENPILZ- PANTHERPILZ- SYNDROM

Zilker Th, Kleber JJ; Haberl B 1999

GIFTIGKEIT
Die typischen Giftpilze dieser Gruppe sind der wohl in der BRD am besten bekannte Giftpilz, der Fliegenpilz und der Pantherpilz; die selben Gifte enthalten eventuell in geringerer Menge der narzissengelbe Wulstling, der Fransenwulstling und die unscheinbaren kleinen Düngerlinge Paneolus camponulatus und Paneolus retirugis.
Schwere eventuell sogar tödliche Vergiftungen sind vor allem vom Pantherpilz berichtet, wobei für die unterschiedliche Giftigkeit der jeweiligen Art Standort, Jahreszeit und Wachstumsbedingungen verantwortlich sind. Auf keinen Fall sind diese Pilze durch eine besonderer Zubereitungsart (Haut abziehen, Abbrühen, in Salzlauge legen) zu entgiften.

SYMPTOME
Üblicherweise 0,5 bis 1-4 Stunden nach der Pilzmahlzeit Beginn der Beschwerden mit verschwommenem Sehen, Doppelbildern, dem Gefühl der Trunkenheit mit Gang- und Bewegungsunsicherheit, motorischer Unruhe und Zittrigkeit; psychisch können neben dem Gefühl des Schwebens und Bildersehen sowohl fröhliche Stimmungen mit Singen und Lachen, wie auch Niedergeschlagenheit, Angst oder Wutanfälle auftreten; bei schwereren Vergiftungen folgen, Erregung bis totale Verwirrtheit, Muskelzuckungen, Krampfanfall und sogar tiefe Bewußtlosigkeit bei meist nicht gestörter Atmung; die sehr schweren zentralnervösen Beschwerden wurden vor allem bei Pantherpilzvergiftungen beobachtet. Oft besteht für die Zeit der Vergiftung eine Erinnerungslücke (Amnesie).
Die Haut ist oft trocken und rot, starkes Schwitzen kann aber auch beobachtet werden. Selten kommt es zu Speichelfluß, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, die Pupillen können sowohl eng wie weitgestellt sein; selten sind auch schwere Herz-Kreislaufbeschwerden wie niederer oder hoher Blutdruck, langsamer oder unregelmäßiger Herzschlag.
Die Symptome sind meist für 3-4 Stunden schwer und klingen dann während der nächsten 10 Stunden in schweren Fällen während der nächsten 1 bis 2 Tage ab.
LATENZZEITEN: Beschwerdebeginn (0,5-)1-3(-4) Stunden nach der Pilzmahlzeit;
Dauer der Beschwerden 10 bis 48 Stunden.

LAIENHILFE
Falls noch keine Beschwerden aufgetreten sind, sollte bei Verdacht einen Pilz dieser Gruppe gegessen zu haben, sofort 20-40g medizinsiche Kohle (beim Kind 1g pro kg KG) eingenommen werden und dann ein Krankenhaus aufgesucht werden, wobei der Betroffene auf keinen Fall selbst Autofahren darf.

ÄRZTLICHE THERAPIE
PRIMÄRE GIFTENTFERNUNG: falls bei sicherer Giftpilzaufnahme noch keine Symptome vorliegen ist induziertes Erbrechen (Ipecac-Sirup), oder Magenspülung vor allem nach Verzehr mehrere Pantherpilze sinnvoll; die Gabe von Kohle kann auch beim schon symptomatischen Patienten weitere Giftresorption behindern; wegen der Verletzungsgefahr darf beim verwirrten sich wehrenden Patienten niemals eine Giftentfernung oder erzwungene Kohlegabe versucht werden.
BEOBACHTUNG: jeden Verdachtsfall für mindestens 4-6 Stunden klinisch beobachten und nur nach dem Abklingen jeglicher Symptomatik entlassen. Bei zentralnervöser Symptomatik ist Beobachtung in einer Überwachungsstation mit EKG-Monitoring nötig.
In der frühen Vergiftungsphase mit Erregung bis zum Krampfanfall können Benzodiazepine (z.B. Diazepam) oder Barbiturate nötig werden, müssen aber wegen der Gefahr des später auftretenden Komas vorsichtig dosiert werden; eine Intubation und Beatmung für 24-48 Stunden kann in schweren Fällen notwendig werden
ANTIDOTE: keine für die zentralnervösen Symptome
Bei den seltenen Fällen mit starker Muskarin-Syndrom-Symptomatik (Erbrechen, Schwitzen, Speichelfluß) hilft Atropin (Erw.: 0,5-2mg; Kinder 0,02 mg/kg)

GIFT UND GIFTWIRKUNG
Die für die Symptomatik verantwortlichen Gifte sind Ibotensäure und das noch wirksamere Muscimol (=Pilzatropin), das sich beim Kochen, Trocknen und Lagern der Pilze aus der Ibotensäure bildet. Beide Substanzen wirken auf die GABA-Rezeptoren des Gehirns (Muscimol 5-10 mal stärker) und erhöhen die Serotonin-Konzentration im Gehirn von Versuchstieren. In Abhängigkeit von der Dosis führen diese Gifte zu Erregung, Halluzinationen, aber auch zu Koma.
Die Giftkonzentrationen im Pilz wechseln sehr in Abhängigkeit von Fundort, Lagerzeit und ob getrocknete oder frische Pilze untersucht werden.
Muskarin und Acetylcholin kann teilweise in geringer Konzentration in diesen Pilzen gefunden werden, die aber normalerweise nicht ausreicht ein Pilz-Muskarinsyndrom zu verursachen. Noch mehrere andere neurotrope Toxine
werden unterschiedlich häufig in kleineren Mengen gefunden.

VERURSACHENDE PILZE
Fliegenpilz (Amanita muscaria): normalerweise unverwechselbar

Pantherpilz (Amanita pantherina): zu verwechseln mit den beiden Speisepilzen Perlpilz (Amanita rubescens) und grauer Wulstling (Amanita spissa)
->andere muscimolhaltige Amanita sp. in Europa: Fransenwulstling (Amanita strobiliformis oder A. pellita); narzissengelber Wulstling (Amanita gemmata); stachelschuppiger Wulstling (Amanita solitaria);
->andere muscimolhaltige Amanita sp. Nordamerika: Amanita cernulata; Amanita cokeri; Amanita cothurnata; Amanita frostiana; Amanita smithiana;
->Düngerlinge: Panaeolus campanulatus, Panaeolus retirugis
->Tricholoma muscarium (Japan)

SYNONYME
Muscimol; Ibutensäure; Fliegenpilz-Syndrom; Fly agaric syndrom; Pantherpilz-Syndrom; narzissengelber Wulstling; Wulstling narzissengelber; Amanita gemmata; Fransenwulstling; Amanita strobiliformis; Amanita cernulata; Amanita cokeri; Amanita cothurnata; Amanita frostiana; Amanita smithiana; Amanita solitaria; stachelschuppiger Wulstling; Wulstling stachelschuppiger; Amanita pellita; Paneolus retirugis; Tricholoma muscarium;

GRUPPENZUGEHÖRIGKEIT
Pilze giftige; Pilze; Pilzvergiftungssyndrome; Amanita spp.; Pilzvergiftung kurze Latenz;

LITERATUR

Bresinsky A; Besel A: Giftpilze. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 1985


Garnweidner E: GU Naturführer Pilze Die wichtigen Pilze Mitteleuropas erkennen und bestimmen. Gräfe und Uncer 13. Auflage 1999


Spoerke DG; Rumak BH: Handbook of mushroompoisoning. CRC Press 1994


Zilker Th: Diagnose und Therapie der Pilzvergiftungen (Teil I). Leber Magen Darm 2/87 97-112


Zilker Th: Intoxications par les champignons


aus Jaeger, Vale JA Intoxications aigues. Elsevier Paris 1999