GYROMITRA-SYNDROM

Kleber JJ; Zilker Th 2000

GIFTIGKEIT
Aus der Gattung der LORCHEL (Gyromitra sp.) sind drei
giftige Lorchel bekannt, die das Gyromitra-Syndrom
verursachen:
FRUEHJAHRSLORCHEL (Gyromitra esculenta); BISCHOFSMÜTZE
(Gyromitra infula) und der RIESENLORCHEL (Gyromitra gigas)
Auch HELVELA Sp., das GEMEINES GALLERTKÄPPCHEN (Leotia
lubrica), und der KRONENBECHERLING (Sarcosphaera crassa)
gelten als verdächtig das Gyromitra-Syndrom auslösen zu
können (6)
Durch trockenen und Kochen wird das Gift Gyromitrin in
seiner Konzentration vermindert, aber auch 2 maliges
Abkochen entgiftet die Pilze nicht sicher (5); die
Giftigkeit des einzelnen Pilzes ist je nach Witterungs- oder geographischen Lageverhältnissen sehr unterschiedlich (6)
Beim Kochen entweichen giftige Monomethylhydrazin-Dämpfe,
die auch beim Einatmen Vergiftungen hervorrufen können. (1)

SYMPTOME
Die Beschwerden beginnen 6 bis 24 Stunden (selten bis 50
Stunden) nach der Pilzmahlzeit, oder 2-8 Stunden nach dem
Einatmen der Dämpfe beim Pilzkochen.
Als erstes treten plötlich Blähungen, Übelkeit, Erbrechen
und Bauchkrämpfe auf, die für 2 Tage anhalten. In schweren
Fällen kann es zu Flüssigkeits- und Salzverlust mit Schwäche und niederem Blutdruck kommen. Nach 24 Stunden kommt es in
leichten Fällen zu milder Erhöhung der Leberenzyme, in
schweren Fällen zu Bilirubinanstieg und hohen
Leberenzymwerten. In schweren Fällen kann es auch zur
Methämoglobinbildung und Blutauflösung (Hämolyse) kommen.
Während der Magen-Darm-Störungen können Schwäche und
Kopfschmerz auftreten, später in einigen Fällen auch
Koordinationsstörungen, Schwindel, Krampfanfälle und
Bewußtseinsverlust (6,8)
LATENZZEITEN: 5-12(-50) Stunden nach der Pilzmahlzeit; 2-8
Stunden nach Inhalation der Dämpfe beim Kochen (8)

LAIENHILFE
In jedem Fall nach Lorchelmahlzeit sofort 20-40g medizinale
Kohle geben und den Patienten in das nächste Krankenhaus
transportieren.

ÄRZTLICHE THERAPIE
PRIMÄRE GIFTENTFERNUNG: Falls noch kein Erbrechen
eingesetzte hat durch induziertes Erbrechen oder
Magenspülung Versuch noch vorhandene Pilze zu entfernen; auf jeden Fall medizinale Kohle und Laktulose alle 4-6 Stunden,
obwohl über enterohepatischen Kreislauf des Giftes nichts
bekannt ist. (8)
BEOBACHTUNG: bei Vergiftungsverdacht 2 Tage beobachten auf
Magen-Darm-Symptome, Leber-Enzym-Erhöhungen, Nierenfunktion
und Zentralnervensystem-Symptome.
ANTIDOTE: Vitamin B6 (Pyridoxin) 25mg/kg iv in 15-30
Minuten. Bei wieder auftretenden Zentralnervensystem-
Symptomen kann Pyridoxin wiederholt werden, aber die
Gesamtdosis darf 15-20g pro Tag beim Erwachsenen (8,9), oder 300 mg/kg beim Kind nicht überschreiten.

GIFT UND GIFTWIRKUNG
GYROMITRIN: ist chemisch N methyl-N-formylhydrazon; beim
Zubereiten des Pilzes oder im Magen-Darm-Trakt wird das
Gyromitrin abgebaut zu Monomethylhydrazin (MMH); das
Hydrazin Monomethylhydrazin ist wasserlöslich, hat einen
Siedepunkt bei 87 C und verflüchtigt sich beim Kochen zu
99,5% durch Verdampfen (6,8).
Methylhydrazin: scheint einen engen Toxizitätsbereich zu
haben, mit einer Dosis unter der das Gift gar keine giftige
Wirkung auf den Organismus ausübt, und über der das Gift
großen Schaden anrichtet. Die Empfindlichkeit einzelner
Individuen für MMH scheint unterschiedlich zu sein (schnelle Acetylierung in der Leber schütz vor der Giftwirkung) (8).
TOXIZITÄT DES GYROMITRINS: ungiftig für einen Erwachsenen
sind ca. 0,035 mg Gyromitrin pro Tag; tödliche Gyromitrin-
Mengen für ein Kind sind 10-30 mg/kg, für einen Erwachsenen
20-50 mg/kg (6)
STOFFWECHSEL: Die Giftresorption aus dem Magendarmtrakt
scheint langsam zu sein, da Beschwerden nach einer
Pilzmahlzeit erst nach 6-24 Stunden einsetzen, Beschwerden
durch MMH-Inhalation aber schon nach 2-8 Stunden; die
Verteilung von Gyromitrin und der Hydrazin-Metabolite im
Körper und die Art der Ausscheidung ist nicht bekannt (8).
GIFTWIRKUNG: Im Zentralnervensystem hemmt MMH die Pyridoxin-
Wirkung und führt über gamma-Aminobuttersäuremangel zu Koma
und Krämpfen. Da Pyridoxin am zellulären
Aminosäurestoffwechsel beteiligt ist, könnte die Pyridoxin-
Hemmung auch die Lebertoxizität von MMH erklären.
METHYLFORMALHYDRAZON (0,3% in Gyromitra esculenta) und
Monomethylhydrazin sind tumorerzeugend bei Tieren (6)

SYNONYME
Helvella-Syndrom; Gyromitrin; Mycetismus sanguinareus;
Methylhydrazin; Monomethylhydrazin; BISCHOFSMÜTZE; Gyromitra infula; RIESENLORCHEL; Gyromitra gigas; HELVELA Sp.;
GEMEINES GALLERTKÄPPCHEN; GALLERTKÄPPCHEN gelbgrünes; gelbgrünes Gallertkäppchen; Leotia lubrica;
Sarcosphaera crassa

GRUPPENZUGEHÖRIGKEIT
Pilze; Pilze giftige; Pilzvergiftung lange Latenz;
Pilzvergiftungssyndrome;

LITERATUR

1. Bresinsky A; Besl H: Giftpilze Ein Handbuch für


Apotheker, Ärzte und Biologen. Wissenschaftlicher


Verlagsgesellschaft Stuttgart 1985


2. Breitenbach J: Pilze der Schweiz. Verlag Mykologigia


Luzern 1991


3. Garnweidner E: GU Naturführer Pilze Die wichtigen Pilze


Mitteleuropas erkennen und bestimmen. Gräfe und Uncer 13.


Auflage 1999


4. Moser M: Kleine Kryptogamenflora; Die Röhrlinge und


Blätterpilze. Gustav Fischer Verlag; Stuttgart, New York


1978


5. Persom: Gyromitrin containing morels; EAPCT-Congress;


Marseil 1996


6. Spoerke DG; Rumak BH: Handbook of mushroompoisoning. CRC


Press 1994


7. Zilker Th: Diagnose und Therapie der Pilzvergiftungen


(Teil II). Leber Magen Darm 3/87 173-197


8. Zilker Th: Intoxications par les champignons


aus Jaeger, Vale JA Intoxications aigues. Elsevier Paris


1999


9. Hanrahan JP; Gordon MA: Mushroom poisoning JAMA 1984


Vol 251, No 8 S. 1057-1061