Pilzvergiftung mit Magen-Darm-Reizung

Kleber JJ; Haberl B; Zilker Th; 2000

GIFTIGKEIT
Pilze der verschiedensten Gattungen können Magen-Darm-Reizungen mit Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und teils auch Bauchschmerzen verursachen; die verursachenden Gifte sind unterschiedlich und nicht immer bekannt.
DIFFERENTIALDIAGNOSE: eine Pilzvergiftung mit Magen-Darm-Reizung ist manchmal schwer abzugrenzen von einer PILZ-ALLERGIE einer PILZ-UNVERTRÄGLICHKEIT oder einer LEBENSMITTELVERGIFTUNG siehe
Pilzvergiftung Differentialdiagnose und Lebensmittelvergiftung allgemein
Bei Magendarmproblemen (6)-8 Stunden nach der Pilzmahlzeit muß das lebensgefährliche Amatoxinsyndrom und das Gyromitra-Syndrom ausgeschlossen werden.

ALLGEMEINE SYMPTOME DER PILZ MAGEND DARM REIZUNG
Latenzzeit: Der Beginn der Magendarmprobleme nach der Pilzmahlzeit variiert von 15 Minuten bis zu 4(-5) Stunden je nach Pilzmenge und Art der verursachenden Pilze; ab 5-6 Stunden beschwerdefreier Zeit zwischen Pilzmahlzeit und ersten Beschwerden sind das lebensgefährliche Amatoxinsyndrom und Gyromitra-Syndrom möglich.
Symptome: Bei der MAGEN-DARM-REIZUNG nach Pilzmahlzeit klagt der Betroffene über Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und eventuell Bauchschmerzen bis zu schweren Magen-Darm-Krämpfen; in schweren Fällen kann es durch den Flüssigkeits- und Salzverlust zu Kreislaufstörungen und Muskelkrämpfen kommen.
Die Beschwerden dauern je nach Giftpilzart und Menge der gegessenen Pilze von nur wenigen Stunden bis zu 2 und mehr Tage.

PILZ MAGEN DARM REIZUNG KURZE LATENZ (BIS 5 STUNDEN)
PILZ-MUSKARINSYNDROM Latenz 15 Minuten - 2 Stunden; plötzlich Übelkeit, Erbrechen, Magenschmerzen, Schweißausbruch und Speichelfluß; verursacht durch Rißpilze, selten Trichterlinge oder Helmlinge
giftige Reizker (Lactarius spp.) Latenzzeit 15 Minuten - 1 Stunde; scharfer Milchsaft; Magendarmkoliken, Erbrechen, Durchfall; sehr heftige Beschwerden möglich
giftige Täublinge Latenz 30 Minuten - 2(-4) Stunden; scharfer Geschmack, oft heftige Beschwerden
Riesen-Rötling (Entoloma sinuatum) Latenz 1/2 - 2(-4) Stunden; Bauchschmerzen, schweres Erbrechen und Durchfall eventuell für 1-2 Tage
Tigerritterling (Tricholoma pardium) Latenz 1-2 Stunden; Bauchschmerzen, heftiges Erbrechen und Durchfall eventuell Tage anhaltend
Satansröhrling (Boletus satanas) Latenz 2-3 Stunden; Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall eventuell heftig bis 2 Tage dauernd
Gallenröhrling (Tylopilus felleus) Latenz meist 15 Minuten bis 2 Stunden; bitterer Geschmack; Magen-Darm-Probleme mit Übelkeit, Erbrechen und Durchfall
Karbolegerling (Agaricus xanthoderma) Latenz 2-4 Stunden; Karbolgeruch des Pilzgerichts; öfters heftiges Erbrechen, Durchfälle und Bauchkrämpfe
grünblättriger Schwefelkopf (Hypholoma fasciculare) Latenz bis 4-5 Stunden; bitterer Geschmack, Bauchschmerzen und Durchfall
sparriger Schüppling (Pholiota squarrosa) Latenz kurz bis 4 Stunden; bitterer Geschmack; Übelkeit und Erbrechen
Bauchwehkoralle (Ramaria pallida) Latenz bis 4 Stunden; Magenschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall
Saftlinge (Hygrocybe Spp.) nach Genuß vieler Saftlinge muß mit Magendarmproblemen gerechnet werden
Ölbaumpilz (Omphalotus olearis) nur Südeuropa; Latenz 1-3 Stnden; heftige Magendarmprobleme mit Kopfschmerzen, Schwitzen, Übelkeit, Erbrechen und Bauchkrämpfen
PAXILLUS-SYNDROM Latenz 1-2 Stunden; alle Kremplingsaarten (Paxillus Sp.) verursachen vereinzelt Magen-Darm-Probleme (ungekocht gegessen fast immer); außer Magen-Darm-Störungen kommt es bei einigen Personen bei einer zweiten oder späteren Kremplingsmahlzeit schon nach 1-2 Stunden zu einer antikörperverursachten Hämolyse
UNGENÜGENDES KOCHEN VON PILZEN: viele Pilze können bei ungenügend langem Kochen Magen-Darm-Beschwerden verursachen; besonders gilt dies für
Hallimasch (Armillaria mellea) Latenz 1-4 Stunden eventuell auch bis 10 Stunden; Erbrechen, Durchfall und Darmkrämpfe
weitere Pilze mit Magendarmsymptomen:
Nelkenschwindling (Marasmius oreades) Safranschrimling (Macrolepiota rachodes),
Parasol (Macrolepiota procera) und viele Röhrenpilze netzstieliger Hexenröhrling (Boletus luridus) flockenstieliger Hexenröhrling (Boletus erythropus) Butterpilz (Suillus luteus)
Maronenröhrling (Xerocomus badius)
Schafporling (Albatrellus ovinus)
Schwefelporling (Laetiporus sulphureus)

LAIENHILFE
Bei frühzeitigem Verdacht medizinische Kohle 20-40g (bei Kindern 1g / kg KG); in jedem Fall muß der Erkrankte vom einem Arzt untersucht werden; durch Rücksprache mit einer Giftnotrufzentrale (GIFTNOTRUF MÜNCHEN 089 / 19240) sollte die Notigwendigkeit weiterer Diagnostik und der Einweisung in eine Klinik besprochen werden.

ÄRZTLICHE THERAPIE
PRIMÄRE GIFTENTFERNUNG: eine Giftentfernung durch Erbrechen oder Magenspülung wird meist zu spät kommen, da die Patienten in der Regel erst bei schon bestehenden Symptomen den Arzt aufsuchen; Kohlegabe kann überschüssiges Gift binden und so die Symptomatik mildern und eventuell den Krankheitsverlauf abkürzen.
BEOBACHTUNG: wegen der möglichen starken Beschwerden, des möglichen Flüssigkeits- und Elektrolytverlustes sollte jeder Patient mit stärkeren Symptomen bis zur Besserung der Beschwerden ärztlich überwacht werden; die Möglichkeit eines Amatoxinsyndrom und Gyromitra-Syndrom muß ausgeschlossen werden.
In schweren Fällen bilanzierter Flüssigkeits- und Elektrolytersatz nach entsprechenden Labor-Untersuchungen mit Kontrolle der Urinausscheidung; neben Na- und K-Substitution ist bei rezidivierendem Erbrechen auch an hohen Chloridverlust zu denken.
Arzneien gegen Durchfall (ausgenommen Kohle) sind allermeist nicht indiziert; Kohle ohne Abführmittel auch öfters gegeben kann die Gifte binden und mit dem Stuhl ausscheiden.
Arzneien gegen Erbrechen sind nur indiziert, außer wenn das Erbrechen nicht sistiert und pilzrestfreie Magenflüssigkeit oder Galle erbrochen wird.
Beim Nachlassen der Magen-Darm-Beschwerden muß vor einer Entlassung aus dem Krankenhaus das Amatoxinsyndrom ausgeschlossen sein.
ANTIDOTE: spezielle Antidote sind für das gastro-intestinale Pilzsyndrom nicht vorhanden, während beim ebenfalls mit gastrointestinalen Beschwerden einhergehenden Pilz-Muskarinsyndrom Atropin gegen Abdominalkrämpfe wirksam ist

SYNONYME
Magen-Darm-Reizung;

GRUPPENZUGEHÖRIGKEIT
Pilze giftige; Pilze; Pilzvergiftungssyndrome; Pilzvergiftung kurze Latenz; gastrointestinales Pilzsyndrom; Differentialdiagnosen

LITERATUR

Spoerke DG; Rumak BH: Handbook of mushroompoisoning. CRC Press 1994


Zilker Th: Diagnose und Therapie der Pilzvergiftungen (Teil I). Leber Magen Darm 2/87 97-112


Zilker Th: Intoxications par les champignons


aus Jaeger, Vale JA Intoxications aigues. Elsevier Paris 1999